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Ein Abstieg in die Geschichte der Narretei von lmmenstaad

unternommen von Günter Martin

Mit einem Amtsprotokoll, einem Polizeibericht, führt sie den Nachweis, daß schon Mitte des vorigen Jahrhunderts das närrische Spiel in Immenstaad gepflegt wurde. Spiele, die vom Auf und Nieder der Geschichte des Landes und der Geschicke der Einwohner des Orts geprägt wurden und die nur in schwerer Not oder in Kriegszeiten ihre unfreiwillige Unterbrechung fanden.
Man schrieb das Jahr 1848 ... Wie eine ansteckende Krankheit breitete sich der Revolutionsgeist von Frankreich her über Deutschland aus, das in vielerlei Länderregierungen aufgeteilt war. In Baden fand er einen wohlvorbereiteten Boden. Man klagte über Zensuren, Beamtenwirtschaft, Polizeiregiment und verlangte Pressefreiheit, Schwurgericht, Volksbewaffnung und dergleichen mehr. Was sie alle verband, war derWunsch und das Streben nach einer Einigung Deutschlands mit demokratischen Grundrechten.
Der radikale Flügel der liberalen Partei, geführt von Rechtsanwalt und Abgeordnetem Hecker und dem Zeitungsmann Struve, erstrebte die Absetzung der Fürsten und die Einführung einer Republik nach französischem Muster .
Im Seegebiet verbreitete, ebenso talentvoll wie entschlossen, ein gewisser Fickler aus Konstanz in seinen "Seeblättern" diese Freiheitsideen. Allenthalben hielt man Volksversammlungen ab. Die Abgaben sollten abgeschafft werden, außer den direkten Steuern; die Vorrechte der Stände aufgehoben werden. Feurig tat sich Pfarrer Ullmann aus Kluftern auf einer Versammlung in Markdorf hervor und sprach, wie Volksschriftsteller Hansjakob berichtet, "von dem vielen Geld, das die großen Herren hätten und von den großen Schulden des armen Volkes."
Das war Musik für manchen Armen, der sich ausmalte, wie nächstens die Wälder, Felder und Rebberge des Markgrafen von Salem und des Fürsten von Fürstenberg zu Heiligenberg, verteilt würden und er dann keinen Pachtzins und keine Steuern mehr zahlen müsse. Als am 8. April Fickler verhaftet wurde, trieb die Stimmung ihrem Höhepunkt entgegen. Am 11. April trafen Hecker und Struve in Konstanz zusammen und forderten auf Handzetteln, die sieverteilten, zur Volkserhebung auf: Worte tun es nicht, durch Waffentat müsse die Freiheit erkauft werden! In Markdorf fand sich etwa ein DutzendKampfbeseelter zusammen. Sie verließen auf einem Leiterwagen die Stadt, um sich dem Zug anzuschließen. Auch von Immenstaad machten sich einige Verwegene auf .Der Hecker-Putsch mißglückte jedoch vollständig. Struve mußte sich mit seiner Freischar in Donaueschingen an die eingerückten Württemberger ergeben. Hecker wurde bei Kandern geschlagen und in die Schweiz gedrängt. Im Herbst unternahm Struve von Basel aus noch einmal einen Zug durch das Wiesental, der in Staufen sein Ende fand. Struve wanderte in Gefangenschaft. Hecker floh nach Amerika. Die badische Regierung, die sich entgegenkommend zeigte und damit Anerkennung und Dank zu erringen hoffte, erwies sich als zu schwach. Die Umtriebe der Revolution wurden fortgesetzt. Man sang das Hecker-Lied und trug Hecker-Hüte mit langer Feder drauf .
Am Fasnachts-Dienstag 1849 trafen sich ledige Burschen von Immenstaad unter Leitung des beim Heckerschen Freischarenzug beteiligt gewesenen Gerber-Gesellen Johann Baptist Einhard zu einem Fasnachtsspiel, das den künftigen Freischarenzug darstellen sollte. Der Zug bewegte sich von einem Ende des Fleckens zum anderen. Vor dem Rathaus war ein Gerüst aufgeschlagen, auf dem ein Tisch und fünf Sessel standen. Die Spieler waren: Georg Dafinger, ebenfalls Teilnehmer am Heckerschen Zug, der den Großherzog von Baden darstellte, und Anton Vittel von Stetten, der als Markgraf Wilhelm von Baden auftrat. Beide waren in Offiziersuniformen der Immenstaader Bürgergarde gekleidet, mit Schärpen, Degen und Schiffhüten mit Federbusch. Ihnen folgten drei Männer mit Zivilüberröcken, mit Degen und Mützen: Benedikt Schilt, Anton Rauber und Ferdinand Joos, wovon der erste als Staatsrat Bekk, der zweite als Staatsrat Mathy ausgegeben wurde. Die Rolle des Dritten konnte nicht genau ermittelt werden. Hinter ihnen wurden Struve (Johann Baptist Einhard) und Fickler (Christian Wolpert), an Händen und Füßen und am Hals mit Ketten belastet, in Zivilkleidern von mehreren Soldaten in der Uniform und mit der Waffenausrüstung der Bürgergarde eskortiert.
Nachdem Struve und Fickler in einem Wagenunterstellraum eingesperrt worden waren, bestiegen die fünf genannten Personen die Bühne, ließen sich am Tisch nieder und berieten über die gegen die Freischaren zu ergreifenden Maßregeln.
Nachdem Staatsrat Bekk dem Großherzog die Versicherung gegeben hatte, es stünden hinlänglich Pulver, Blei und Bajonette zur Verfügung, stellte Markgraf Wilhelm an den Großherzog die Frage, wer denn die Kosten bezahle. Worauf der Großherzog erwiderte: "Der deutsche Michel!" Hierauf wurden Struve und Fickler zur Aburteilung vorgeführt. Sie verteidigten die Sache der Freiheit und erklärten, dafür sterben zu wollen.
In dem Augenblick, als die beiden Gefangenen wieder abgeführt werden sollten, rÜckten die Freischaren unter Trommelschlag und mit Musik heran. Ihnen hatte sich eine Schar Schulknaben mit hölzernen Gewehren angeschlossen. Nachdem der Anführer (Severin Heger) die auf der Bühne befindlichen Personen vergebens zur Übergabe aufgefordert hatte, erfolgte der Angriff gegen sie und die zu ihrem Schutze aufgestellten Soldaten, welche überwältigt und gefangen genommen wurden. Der die Person des Großherzogs darstellende Georg Dafinger, hatte noch vor dem Angriff die Bühne verlasen, mit den Worten: "Hier ist Gefahr, ich gehe!" Hierauf entfernte er sich, ohne weiter am Spiel teilzunehmen. Anton Vittel (der Markgraf) und Benedikt Schilt (Staatsrat Bekk) wurden sodann an einem Ladenkloben aufgehängt, indem ihnen Johann Baptist Einhard einen Schubkarren-Riemen unter den Armen um den Leib schlang und mit Hilfe der Freischaren die Exekution vornahm. Worauf Einhard noch einmal die Bühne bestieg und eine Rede hielt, in der sich allerlei Ausfälle gegen die deutschen Fürsten erlaubte. Damit endete das Spiel.
Soweit auch der nahezu wörtliche Bericht des Amtmanns aus Meersburg, dessen Amt nach Bekanntwerden des aufrührerischen Spiels beauftragt wurde, nähere Untersuchungen durchzuführen. Das urkundliche Original hierüber befindet sich im Landesarchiv in Karlsruhe. Johann Baptist Einhard, der wie Dafinger am Heckerzug im Frühjahr 1848 teilgenommen hatte, entzog sich der Untersuchung durch die Flucht nach Amerika. Dafinger wurde begnadigt. Der Amtmann schrieb zur Abmilderung in seinem Bericht, daß das Spiel "bei dem besseren Teil der Zuschauer und Einwohner von Immenstaad große Entrüstung und Unwillen erregt habe." Außerdem strich man als Hauptschuldigen den früheren Lehrer Bickel heraus, der "die früher so ruhige und ordnungsliebende Gemeinde Immenstaad" fast ganz unterwühlt und den jungen Leuten die Köpfe verrückt gemacht habe. Bickel war im Herbst nach Epfenhofen versetzt worden, wo er, selbst unter Androhung der Entlassung, alsbald wieder Vorstand eines demokratischen Vereins in der Gegend von Bonndorf wurde. Das Fasnachtsspiel, stellt das Amt Meersburg am Schlusse seines Berichts sachlich fest, stamme aber kaum von Lehrer Bickel; es sei wohl- und das klingt heutigentags wie eine echte Anerkennung - "bodenständiges Seehasengut" gewesen.
Und wie ging es weiter?
In Markdorf wurde eine Freischar-Kompanie von zweihundert Mann zusammengestellt, zu welcher jeder der umliegenden Orte Männer stellte. Der lange Kübele aus Hagnau wurde wegen seiner Leibeslänge zum Feldwebel, der Besitzer des Helmsdorfer Rittergutes Stefan wegen des schönen Schimmels, den er ritt, zum Hauptmann gemacht. Es wurde viel politisiert und exerziert. Die gemeinsamen Übungen fanden auf der Brühlwiese zwischen Ittendorf und Markdorf statt. Da die Weinjahre gut waren -1846 war das beste Weinjahr des ganzen Jahrhunderts -dachte man nicht an die Arbeit, sondern veranstaltete nach dem Exerzieren Trinkgelage.
Im Mai 1849 ging die Revolution von neuem los. Durch den Abfall des badischen Militärs gezwungen, floh der Großherzog nach Berlin und übertrug den Preußen die Niederwerfung des Aufstandes. Im Juni sollte die Markdorfer Freischar-Kompanie ins Feld marschieren. Die Teilnehmer hatten in der Stadt Quartier bezogen. Wachtposten standen an den Toren. Man fing an zu trinken und schwärmte für " Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit". Da trafen zwei flüchtige Soldaten in der Stadt ein und berichteten, die Preußen hätten im Unterland die Freischar und das badische Revolutions-Militär geschlagen. Weinselig, wie man war, glaubte man ihnen nicht. Am anderen Morgen brach man gegen Uberlingen auf und kehrte in den verschiedenen Wirtshäusern unterwegs ein. Die Leute brachten den Befreiern des Vaterlandes fleißig Most an die Straßen des DurchImarschs. Gegen Abend langte man in Uberlingen an.
Dort waren bereits Flüchtlinge eingetroffen, die die Preußen vor sich hertrieben und brachten die Nachricht, daß alles verloren sei. Man nahm es auch ihnen nicht ab, bis andertags der Überlinger Hauptmann es bestätigte und die Freischärler zur Heimkehr aufforderte; denn von oben kamen die Bayern und von unten die Preußen. Und die Hessen waren auch nicht mehrweit. Da hieß es sich geräuschlos verziehen .
Die Bodenseegegend wurde besetzt. Jeder Tag brachte neue Verhaftungen. Pfarrer Ullmann wurde zu zehn, der Hauptmann Stefan von Helmsdorf zu zwei, der lange Hagnauer Feldwebel zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die Hauptführer der Revolution hatten sich beizeiten in die Schweiz oder nach Amerika in Sicherheit gebracht. Mancher arme Schlucker, den vielleicht seine Not der Revolution in die Arme getrieben hatte, verlor Hab und Gut und wanderte ins Gefängnis.

So endete der Freiheitsrausch.